Lehrjahre, Illusionen und der Weg zur Truppe
Wenn man heute verfolgt, wie öffentlich über die sogenannte Kriegstüchtigkeit Bundeswehr debattiert wird, muss ich unweigerlich an meine eigene Vergangenheit zurückdenken. Ich weiß nicht, wie es in der heutigen Zeit in den Schulen abläuft. Früher war es in aller Regel so, dass man im Laufe seiner schulischen Laufbahn irgendwann Kontakt mit Wehrdienstberatern der Bundeswehr bekam. Für viele Schüler waren dies immer ziemlich spannende Momente, wenn diese Menschen von Kameradschaft und Lagerfeuerromantik vorschwärmten. Diese Leute waren gut darin geschult, Schülern eine Illusion zu verkaufen. Wie viel Wert diese Illusion hatte, sollte sich in meinem späteren Leben noch zeigen.
Ich will nicht sagen, dass ich während meiner Berufsausbildung perspektivlos war, allerdings konnte mich dies, aus persönlicher Sicht betrachtet, damals nicht zufriedenstellen. Ich lernte zwar spannende Dinge, konnte mich aber mit dem direkten Umfeld meines Unternehmens nie identifizieren. Mir fehlte irgendwo der Tiefgang, wirklich etwas bewegen zu können. Außerdem gehörte mein ausbildendes Unternehmen zu der Kategorie, in der Auszubildende als billige Handlanger in Reinkultur betrachtet wurden. Wir waren zwei Azubis im selben Lehrjahr. Wäre damals nicht unser Klassenlehrer und unser Werkstattlehrer gewesen, hätte keiner von uns die Abschlussprüfung auch nur im Ansatz bestehen können. Wir Azubis wurden im Betrieb ausschließlich für Hilfstätigkeiten gebraucht; das nötige Fachwissen brachten uns der Klassen- und der Werkstattlehrer bei. Sagen wir einfach, es gibt ausbildende Unternehmen, bei denen eine Ausbildung reine Zeitverschwendung ist. Zu genau dieser Kategorie gehörte mein Ausbildungsbetrieb, und ich danke meinen Lehrern, dass sie an uns geglaubt und uns unterstützt haben.
Damals war ich der Meinung, dass ich mich persönlich nur weiterentwickeln könne, wenn ich etwas für mein Land tue. Für den Zivildienst fehlten mir die nötigen Schnittmengen, etwas im Gesundheitssektor, in der Pflege oder im sonstigen sozialen Bereich zu tun. Also entschied ich mich für den Weg über die Freiwilligenannahmestelle. Mit dem Ende meiner Ausbildung begann für mich ein neuer Lebensabschnitt als Zeitsoldat in der Laufbahn eines Unteroffiziers. Irgendwie war es wohl auch ein Stück weit der Wunsch, etwas für das entgegengebrachte Vertrauen und die Hilfe während der Ausbildung zurückzugeben. Man hatte etwas für mich getan, selbstlos und ohne einen Dank zu erwarten. War es also nicht auch eine Art Selbstverpflichtung, etwas für andere zu tun?
Graue Realität und das alte Feindbild in den Kasernen
Beseelt von den Geschichten der Wehrdienstberater und den wohlklingenden Worten der Freiwilligenannahmestelle in München landete ich zu Beginn meiner Grundausbildung sehr schnell auf dem Boden der Tatsachen, in der grauen Realität. Tagein, tagaus war ich konfrontiert mit teils massiv rechtsradikalen Grundausbildern, und das alte Feindbild Russland war allgegenwärtig. Natürlich ist meine eigene politische Wertevorstellung rechtskonservativ, aber eben weit entfernt von radikal, und so versuchte ich, persönliche Kontakte zu Ausbildern weitgehend zu verhindern. Zu prägend waren die Erzählungen meiner Großmutter, die sowohl den Ersten als auch den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte.
Irgendwann kam zwangsläufig meine Beförderung in den Dienstgrad eines Unteroffiziers und damit auch die Verantwortung für Rekruten. Schon während meiner Grundausbildung habe ich mir als Alpha-Mensch wenig Freunde gemacht – weder unter den Ausbildern noch unter meinen Mitrekruten. Zum einen sage ich den Leuten ins Gesicht, was ich von ihnen halte, und zum anderen lasse ich andere ihre Schwächen spüren. Damit schafft man sich keine Freunde, aber eine Menge Feinde. So kam es als Unteroffizier, wie es kommen musste: Zu der Zeit hatten wir viele Rekruten, die Russlanddeutsche waren; teilweise konnten diese Menschen kaum Deutsch. Gerne brachte man diese Menschen in meiner Gruppe unter, nur um mich beim Erreichen von vorgegebenen Ausbildungszielen scheitern zu sehen. Schließlich war der Russe ja noch immer der Feind. Ich war oft mehr damit beschäftigt, meine Rekruten durch Mobbing und Intrigen anderer Dienstgrade und Rekruten schadfrei zu halten, als tatsächlich mit deren Ausbildung. Trotz aller Steine im Weg haben all meine Rekruten ihre Leistung erbracht, und wenn ich heute dem ein oder anderen zufällig über den Weg laufe, können wir uns guten Gewissens in die Augen blicken.
Im Nachhinein betrachtet war meine Entscheidung für die Truppe eine vollkommen falsche. Es waren vier verschenkte Jahre Lebenszeit, denn zur Wahrheit gehört auch, dass es wirkliche Kameradschaft und Lagerfeuerromantik in der Truppe nicht gibt. Stattdessen wirst du als Rekrut wie ein Stück Scheiße behandelt, und als Dienstgrad erwartet man von dir, dass du Menschen so behandelst, wie du selbst nie behandelt werden willst. Trägst du darüber hinaus dein Herz auf der Zunge und sagst Leuten ins Gesicht, was du von ihnen denkst, werden dir Steine in den Weg gelegt, wo man nur kann. Dieser Spruch „Gib einem Menschen Macht, und du erkennst sein wahres Ich“ erhält in der Truppe eine besonders perfide Wahrheit. Lasse ich die ganzen vier Jahre also Revue passieren, wäre meine Entscheidung heute eine andere und ich wäre nicht bei der Truppe gelandet.
Die Farce vom Verteidigungsbündnis: NATO, USA und die Geister der Vergangenheit
Kommen wir nun auf ein Thema zu sprechen, welches für Deutschland nicht neu ist: den Ukrainekrieg und das alte/neue Feindbild Russland. Unsere Politik – allen voran die ehemaligen Pazifisten von Grünen, SPD und CDU – predigt in Dauerschleife das Narrativ vom völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Der ein oder andere Leser wird sich nun entsetzt fragen, wie der Autor hier von einem Narrativ sprechen kann; so ein Affront sei doch unverzeihlich.
Nein, das ist er nicht. Tatsache ist für mich, dass dieser Konflikt durch die NATO hausgemacht ist. Schon allein die Bezeichnung als „Verteidigungsbündnis“ ist eine einzige Farce. Diente die NATO einst der Abschreckung gegen den Osten, so ist sie längst dazu verkommen, das Aufspielen als Weltpolizei durch die Vereinigten Staaten zu legalisieren. Die USA – ein Staat, der historisch gesehen selbst auf einer völkerrechtswidrigen Landnahme durch europäische Siedler fußt, die den indigenen Völkern das Land stahlen – maßen sich bis heute an, über Recht und Unrecht auf der Welt zu richten. Wenn amerikanische Politiker über „illegale“ Einwanderer wettern, drängt sich jene historische Frage eines indianischen Häuptlings auf: Wann gedenken eigentlich die Nachfahren der Einwanderer, die das Land gestohlen haben, wieder zu gehen? Ein treffenderer Kern lässt sich kaum formulieren.
Dass dieses Land im Glase saß, hinderte es freilich nicht daran, mit Steinen zu werfen: Man hat nicht zuletzt im Irak (unter dem Vorwand angeblicher Massenvernichtungswaffen), in Afghanistan oder Venezuela bewiesen, welch Geistes Kind man ist. Selbst unter Präsident Obama wurde der globale Drohnenkrieg auf eine Stufe ausgeweitet wie vor ihm unter keinem anderen Präsidenten – alles unter dem Deckmantel des Westens. Man vergisst zudem nicht, dass selbst deutsche Kampfbomberinsätze in der Vergangenheit – wie im Kosovokrieg – ohne UN-Mandat stattfanden.
Über zwangskorsettartige Einsätze wie nach dem Einmarsch in Afghanistan versuchte man über zwei Jahrzehnte hinweg, einer fremden Kultur mit Gewalt Demokratie aufzuzwingen – ein Vorgehen, das in seiner ideologischen Verblendung fast schon an die Christianisierung im Zuge der Kreuzzüge erinnert. Davon will heute natürlich keiner mehr wissen, allen voran nicht das Volk der USA.
Gerne vergisst man auch, dass die NATO eines ums andere Mal Abkommen mit Russland brach. Sie hat ihre Grenzen sukzessive an Russland herangeschoben, und der Ukrainekrieg ist lediglich die logische Konsequenz daraus sowie ein Zeichen dafür, dass die NATO rote Linien längst überschritten hat. Der Schuldige war natürlich schnell ausgemacht, und das alte Feindbild Russland wurde entstaubt. In Wahrheit war es ja nie weg, man hat nur nicht mehr offen darüber geredet.
Damals Ex-Jugoslawien, heute Afghanistan und Ukraine: Die ewige Mär von der Landesverteidigung
Während meiner aktiven Dienstzeit waren Auslandseinsätze auf freiwilliger Basis. Zu der Zeit war der Konflikt in Ex-Jugoslawien gerade aktuell, und Teile meiner Einheit verlegten in die Region Sarajevo. Ich war zu der Zeit damit beauftragt, Rekruten auf diesen Einsatz vorzubereiten, die sich freiwillig dafür entschieden hatten. Ich sollte Menschen auf etwas vorbereiten, was wir uns selbst in der Theorie nur schwer vorstellen konnten. Ich habe mich persönlich gegen meinen Einsatz entschieden, denn meine Überzeugung war die Landesverteidigung und keine Kriege, die nicht die unseren waren. So wie es damals nicht unser Krieg war, wurde danach weder am Hindukusch noch in der Ukraine jemals die Freiheit Deutschlands mitverteidigt. Es war schon immer und wird immer das Narrativ sein, militärische Gewalt unter den Deckmantel der Verteidigung zu packen.
Kriegstüchtigkeit im „besten Deutschland aller Zeiten“: Warum die Jugend streikt statt zu dienen
Eigentlich ist diese Fragestellung schon fast philosophisch, wo wir im Jargon unserer Politik doch im „besten Deutschland aller Zeiten“ leben. Das System selbst ist die Antwort darauf. Dass unser Verteidigungsminister Pistorius das nicht erkennt, hat System. Als größte Fehlbesetzung im Ressort Verteidigung der vergangenen Jahrzehnte redet er davon, das Land kriegstüchtig bekommen zu müssen. Kriegstüchtigkeit hatten wir bereits in der Vergangenheit, und das Endergebnis war unter anderem der Kessel von Stalingrad und die Kapitulation einer ganzen Nation. Im Endeffekt war das auch die Essenz, wenn Menschen Macht und Größenwahn besitzen.
Kann man es jungen Menschen heute verdenken, wenn sie nicht für dieses Deutschland kämpfen wollen? Ungesteuerte Massenmigration, kaputte Infrastruktur, Rentner, die im Müll nach Essen oder Pfandflaschen suchen müssen, eine medizinische Versorgung, die insbesondere Deutsche zu Patienten dritter Klasse oder darunter degradiert, und eine Bildung, die inflationärer kaum sein könnte? Man könnte noch so viel mehr Punkte aufzählen, aber im Endeffekt ist es das Versagen des Staates, das zu solchen Verhältnissen geführt hat. Dafür sollen junge Menschen heute beim Dienst an der Waffe ihr Leben riskieren?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die junge Generation eher den Reichstag niederbrennen wird, als entgegen ihrer Überzeugung einer Forderung nach Kriegstüchtigkeit durch eine korrupte, machtbesessene Politik Folge zu leisten.
Wie siehst du das? Lass uns ins Gespräch kommen!
Ob du meine Generation teilst und damals selbst die Uniform anhattest oder ob du zu den jungen Leuten gehörst, die heute vor der schweren Entscheidung stehen, ob du dich von einer laut werdenden Politik für den Dienst an der Waffe vereinnahmen lassen willst: Diese Debatte betrifft uns alle.
Schreib deine Sichtweise in die Kommentare. Hast du ganz andere Erfahrungen in der Truppe gemacht oder siehst du die geopolitische Lage und die Rolle der NATO völlig anders? Lass uns sachlich, aber offen und ehrlich darüber diskutieren!











