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Hire & Fire ist das Viagra der Zeitarbeit – Der Sargnagel des Arbeitsmarktes

Im Januar 2005 stand der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder vor den Großen der Weltwirtschaft in Davos und rühmte sich mit einem Satz, der den Betroffenen bis heute wie Spott in den Ohren klingt: „Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“

Man muss sich diese politische Selbstbeweihräucherung einmal auf der Zunge zergehen lassen. Was als verträgliche „Flexibilisierung“ gefeiert wurde, war in Wahrheit der Startschuss für eine systematische Entwertung menschlicher Arbeitskraft.

Und was ist das Filetstück dieses hochgezüchteten Sektors? Die Zeitarbeit. Was der Wirtschaft als künstlicher Leistungsförderer dient, ist für den Arbeitsmarkt in Wahrheit eine brandgefährliche Droge: Hire & Fire ist das Viagra der Zeitarbeit – und der schleichende Sargnagel unseres Arbeitsmarktes.

Die Illusion des Bewerberpools

Wie sieht die gängige Praxis heute aus? Zeitarbeitsunternehmen schalten massenhaft vage, hochgradig pauschalisierte Stellenanzeigen in diversen Medien. Der eigentliche Hintergrund: Viele dieser Stellen existieren in Wahrheit gar nicht. Vordergründig geht es allein darum, den Bewerberpool zu füllen, um auf dem Papier aus dem Vollen schöpfen zu können. Man gaukelt potenziellen Bewerbern vor, man hätte den „ganz heißen Job“ für sie, nur um Vorräte an Humankapital anzulegen.

Wird dann ein Kundenunternehmen aufgetan, geht man dazu über, die Bewerber erneut vorzuladen und Profile zu erstellen. Schließlich muss man dem Auftraggeber irgendetwas präsentieren.

Aus jahrelanger eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Disponenten haben zu großen Teilen gar keine Ahnung von der Materie oder der Branche des Kundenunternehmens. Auf der einen Seite hat man fachfremde Quereinsteiger, auf der anderen Seite ausgebildete Personaldienstleistungskaufleute, denen ebenfalls der tiefe Einblick in die Praxis fehlt. Bereits an dieser Stelle beginnt das Verhältnis zwischen Dienstleister und Kundenbetrieb zu bröckeln.

Vertuschen, Täuschen, Entlassen

Das Resultat dieser Inkompetenz ist vorprogrammiert: Die Dienstleister schlagen teils völlig ungeeignete Bewerber vor, reden mangelnde Fachkompetenz schön oder lügen schlichtweg, dass sich die Balken biegen. Zieht das Kundenunternehmen die Notbremse und kündigt den Dienstleistungsvertrag, verweigert der Personaldienstleister jegliche Eigenreflexion.

Anstatt das eigene Verhalten zu hinterfragen, wird der Zeitarbeiter nicht nur aus dem Einsatzbetrieb entfernt – er verliert im selben Atemzug seinen Arbeitsvertrag beim Zeitarbeitsunternehmen. Hier wird Hire & Fire in Reinkultur praktiziert.

Wirtschaftlich, aber allem voran ethisch, müsste es einem Personaldienstleister jederzeit möglich sein, Leerlaufzeiten zu überbrücken. Der Staat stellt Mittel bereit, um stehende Zeiten effektiv für Qualifizierung und Fortbildung zu nutzen. Doch selbst Unternehmen, die explizit damit werben, dass Schulung ihr höchstes Gut sei, tun das Gegenteil: Sie wählen den billigen Weg und entlassen den Mitarbeiter. Es spart Kosten – verbunden mit der zynischen Hoffnung, auf ihn zurückgreifen zu können, sobald der nächste Kunde anbeißt.

Die Weiterbildungslüge & der Diebstahl von Innovationen

In Bewerbungsgesprächen wird der Einsatz bei Kundenbetrieben gerne als Sprungbrett für die persönliche und berufliche Entwicklung verkauft. Gerade bei Ungelernten, Schulabgängern oder Menschen ohne Schulabschluss zieht dieses Argument extrem gut. Die Realität ist eine völlig andere: Wer ungelernte Arbeit leistet, landet ausnahmslos in reinen Anlernpositionen. Von Qualifizierung oder gar Entwicklung kann überhaupt keine Rede sein.

Doch das betrifft keineswegs nur Anfänger. Selbst ich, mit mehr als zwei Jahrzehnten Berufserfahrung als Zerspaner auf dem Buckel, habe all die Lebenszeit in der Zeitarbeit beruflich kein Stück weitergebracht. Kein Kundenunternehmen ist bereit, Zeit oder Geld in die Einarbeitung oder Schulung eines Zeitarbeiters – etwa bei komplexen neuen Maschinensteuerungen – zu investieren. Entweder man bringt das geforderte Spezialwissen ab der ersten Minute zu 100 Prozent mit, oder der Auftrag geht an jemand anderen.

Besonders perfide wird es, wenn man als erfahrene Fachkraft eigeninitiative Verbesserungen im Betrieb einbringt. Gerade in der Fertigung und Automobilindustrie hat sich ein gigantischer Markt entwickelt: Spezialisierte Engineering-Firmen werden für horrende Summen angeheuert, um Maschinencodes so zu optimieren, dass auch noch die letzte Zehntelsekunde Taktzeit eingespart wird. Diese Millionensummen zahlen die Konzerne ohne mit der Wimper zu zucken, weil sie sich in der Großserie rechnen.

Optimiert jedoch ein erfahrener Zeitarbeiter an der CNC-Maschine aus eigener Praxis genau diesen Prozess, greift eine unverfrorene Doppelmoral. In fast allen Industrieunternehmen gibt es ein betriebliches Vorschlagswesen mit saftigen Prämien für Einsparungen. Als Zeitarbeiter ist man von diesen Belohnungen jedoch komplett ausgeschlossen – selbst wenn man dem Kundenbetrieb nachweislich ein Vermögen einspart. Die Entleihverträge sehen das schlicht nicht vor. Man kassiert das Know-how des Leiharbeiters dankend gratis ab, verwehrt ihm aber jegliche Beteiligung am Gewinn.

Die Zynismus-Falle: Die ewige Probezeit

Besonders dreist wird das System, wenn der nächste Auftrag beim Personaldienstleister einflattert. Der eben noch entlassene Mitarbeiter wird erneut kontaktiert und unterschreibt einen neuen Vertrag bei derselben Zeitarbeitsfirma.

Das böse Erwachen folgt im Kleingedruckten: Die Zählung beginnt wieder bei Null. Es gelten erneut sechs Monate Probezeit – ohne dass die bereits geleisteten Monate angerechnet werden.

Durch dieses ständige Anheuern, Entlassen und Wiedereinstellen wird der gesetzliche Kündigungsschutz systematisch ausgehebelt. Der Arbeitnehmer wird in eine endlose Schleife der Rechtsunsicherheit gedrängt. Er schuftet unter permanentem Kündigungsrisiko, ohne jemals die 6-Monats-Hürde für den regulären Kündigungsschutz zu erreichen. Ein permanenter Ausnahmezustand, der jegliche Zukunftsplanung unmöglich macht.

Vom Betrieb ans Amt: Staatlich subventioniertes Unternehmertum und behördliches Wegsehen

Dieses ständige On-Off-Spiel offenbart den größten volkswirtschaftlichen und politischen Skandal der Zeitarbeit: Die Privatwirtschaft wälzt ihr eigenes Ausfallrisiko schamlos auf den Steuerzahler ab – und der Staat sieht weg, weil er selbst von den gefälschten Kennzahlen profitiert.

Solange der Kunde zahlt, streicht der Personaldienstleister die Marge ein. Bricht der Auftrag weg, wird das Ausfallrisiko nicht etwa aus den Gewinnen der guten Zeiten getragen, sondern sofort an die Bundesagentur für Arbeit weitergereicht. Der Zeitarbeiter wird gekündigt und landet direkt am Tropf des Staates – sei es im Arbeitslosengeld oder im ergänzenden Leistungsbezug. Sobald der Dienstleister wieder Verwendung für ihn hat, wird er erneut von der Straße geholt.

Dass diesem Treiben kaum Einhalt geboten wird, liegt an einem perfiden System der Gegenseitigkeit: Echte Kontrollorgane fehlen oder schauen bewusst weg. Zeitarbeitsfirmen sind das perfekte Werkzeug, um die offiziellen Arbeitslosenzahlen künstlich zu frisieren. Sobald ein Erwerbsloser für auch nur wenige Wochen einen Vertrag unterschreibt, taucht er in keiner Negativstatistik mehr auf. Der Staat gewährt den Dienstleistern für diese statistische Kosmetik faktisch einen Freifahrtschein.

Wie wenig Behörden in der Praxis hinschauen, zeigt sich bereits beim Thema Eingruppierung und Dokumentationspflicht: Gesetzlich ist ein Personaldienstleister verpflichtet, Qualifikationsnachweise einzufordern, um einen Mitarbeiter überhaupt berechtigt einer bestimmten Entgeltgruppe zuordnen zu dürfen. Aus meiner eigenen Praxis weiß ich: Von mir wurde nicht ein einziges Mal ein Nachweis verlangt – obwohl ich diese mühelos hätte erbringen können. Wenn nicht einmal solche elementaren Vorgaben von den Prüfbehörden kontrolliert werden, ist das der finale Beweis für ein völliges Versagen der staatlichen Aufsicht.

Die 18-Monate-Farce & die „Übernahmeoption“

Um das System vordergründig zu bändigen, hat der Gesetzgeber die maximale Überlassungsdauer bei demselben Kunden auf 18 Monate gedeckelt. Was auf dem Papier wie Arbeitnehmerschutz klingt, ist in der Realität eine Farce. Wer einen Mitarbeiter 18 Monate lang am selben Arbeitsplatz einsetzt, deckt keine vorübergehende „Auftragsspitze“ ab – das ist ein manifester, dauerhafter Personalbedarf. Die Zeitarbeit dient hier lediglich als Instrument, um den gesetzlichen Kündigungsschutz und reguläre Kündigungsfristen komplett auszuhebeln.

Gleichzeitig wird in fast jeder Stellenanzeige mit der „Chance auf Übernahme“ geworben. Aus meiner eigenen, jahrelangen Praxis in der Zeitarbeit kann ich dazu nur eines sagen: Es ist bei mir nicht ein einziges Mal zu einer Übernahme gekommen. Nicht ein einziges Mal.

Diese angebliche Option ist reinster Schall und Rauch – ein nett klingendes Verkaufsargument, um Bewerber anzulocken. In Wahrheit ist der Zeitarbeiter genau deshalb im Betrieb, weil man ihn nicht fest anstellen will. Er ist der Puffer, den man als Ersten opfert, wenn der Wind dreht.

Ein Weg aus der Sackgasse: Wie Zeitarbeit wieder Sinn ergibt

Bedeutet das, dass man Zeitarbeit generell verbieten und verteufeln muss? Nein. Doch das System muss vom Kopf auf die Füße gestellt und auf seine eigentliche Kernfunktion zurückgeführt werden: auf reines Recruiting.

  1. Maximal 3 Monate Überlassung – Die Rückkehr zum alten StandardEin Zeitraum von nicht mehr als drei Monaten ist für eine Erprobung völlig ausreichend. Blickt man zurück, waren drei Monate Probezeit früher der absolute Maßstab auf dem Arbeitsmarkt – und er hat hervorragend funktioniert. Wir Menschen haben uns nicht derart verändert, dass man heute plötzlich die doppelte oder dreifache Zeit bräuchte, um zu entscheiden, ob jemand ins Team und in den Job passt.Dass Unternehmen heute 6 Monate Probezeit verlangen und sich über die Zeitarbeit schleichend bis zu 18 Monate Flexibilität erkaufen, ist kein Zeichen gründlicher Prüfung. Es ist das Symptom einer überbürokratisierten HR-Kultur und von Entscheidungsunfähigkeit im Personalwesen. Wer einen Mitarbeiter nach 90 Tagen im täglichen Arbeitsalltag nicht einschätzen kann, wird es auch nach neun oder achtzehn Monaten nicht können.
  2. Effiziente Personalsuche statt Dauer-EntleiheDas Kundenunternehmen nutzt die drei Monate als intensiven Praxis-Check. Der Personaldienstleister übernimmt das Erst-Screening und die administrative Abwicklung. Passt der Mitarbeiter, erfolgt nach spätestens drei Monaten die direkte Festanstellung im Kundenbetrieb – passt er nicht, trennt man sich. So wird das Recruiting effizient ausgelagert, ohne Dauer-Leiharbeiter zu produzieren.
  3. Equal Pay ab Tag 1Im Lohngefüge darf es keine Kompromisse geben. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit muss ab dem ersten Arbeitstag gelten. Alles andere ist staatlich toleriertes Lohndumping auf dem Rücken der Beschäftigten.

Zeitarbeit darf kein dauerhaftes Paralleluniversum für billige, rechtlose Arbeitskräfte sein. Sie muss ein schnelles, faires Werkzeug zur Arbeitsvermittlung werden – damit der Arbeitsmarkt nicht länger am eigenen Tropf verblutet.

Und jetzt zu dir: Wie sind deine Erfahrungen?

Mich interessiert deine Perspektive:

  • Warst du selbst schon in der Zeitarbeit tätig und hast ähnliche Erfahrungen mit der angeblichen „Übernahmeoption“, ständigen Probezeiten oder fehlenden Fortbildungen gemacht?
  • Oder arbeitest du in einem Kundenbetrieb bzw. im Personalwesen und siehst die Vor- und Nachteile aus einer ganz anderen Perspektive?
  • Wie bewertest du den Vorschlag, Zeitarbeit rein auf eine dreimonatige Recruiting- und Testphase mit Equal Pay ab Tag 1 zu beschränken?

Schreib deine Meinung, deine Kritik oder deine persönliche Geschichte gerne unten in die Kommentare – lass uns darüber diskutieren!

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