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Wieviel ist genug – Wenn beim Angler die gefährliche Tackle Sucht zuschlägt

Wir Angler sind im Grunde unseres Herzens vor allem zwei Dinge: Jäger und Sammler. Auf Neudeutsch würden wir von Tackle Sucht sprechen. Es liegt scheinbar in unserer DNA, bei jedem Betreten eines Angelladens oder beim Stöbern im Online-Shop in einen Zustand tiefer Faszination zu geraten. Da ist er wieder: Dieser eine neue Köder mit dem unvergleichlichen Laufverhalten, die eine noch leichtere Rute mit der perfekten Spitzenaktion und unzähliges weiteres Zubehör, das wir in unserer unersättlichen Gier nach Neuem unbedingt zu brauchen glauben.

So wandert der 100. Gummifisch in der drittneuesten Trendfarbe in den Einkaufswagen, gefolgt vom 20. Spin-Jig. Und Ruten? Ruten kann man schließlich nie genug haben! Für viele gilt die ungeschriebene Formel: Der ideale Bestand an Angelausrüstung ist immer n + 1 – wobei n für die Menge an Tackle steht, die man bereits besitzt. Doch wo hört die Leidenschaft auf, und wo fängt das pathologische Sammeln oder gar die Kaufsucht an? Der Grat zwischen gesunder Begeisterung für das Hobby und bedenklichem Konsumverhalten ist extrem schmal.

Dabei schieben wir die Schuld nur zu gerne auf den ausgefeilten Marketingapparat der Angelindustrie. Ganz unrecht haben wir damit nicht, denn die Strategien sind raffinierter geworden. Die Industrie setzt heute massiv auf große Angel-Influencer, YouTuber und Social-Media-Größen. Ihre enormen Reichweiten werden gezielt genutzt, um Trends zu setzen und Begehrlichkeiten zu wecken. Ausnahmen bestätigen zwar die Regel – manche Szene-Größen zeigen erfrischenderweise, dass man auch mit einfachen Schlauchbooten und bodenständigem Tackle extrem erfolgreich sein kann. Doch das Gros der Content-Creator transportiert eine ganz andere Botschaft.

Besonders beim Thema Ruten, Rollen und Boote wird dem Angler schleichend eingeredet: Nur das Teuerste ist gerade gut genug. Es wird das Bild vermittelt, dass erst eine vierstellige Summe für die Ruten-Rollen-Kombo oder das voll ausgestattete Highend-Bassboat einen „echten“ oder erfolgreichen Angler ausmacht. Material wird zum Statussymbol erhoben. Jedes Jahr wird das Rad neu erfunden, und wer nicht das neueste Hightech-Gerät fischt, hat scheinbar schon verloren, bevor der erste Wurf gemacht ist. Die Fanggarantie wird gedanklich direkt mit dem Preisschild verknüpft.

Die Ernüchterung am Wasser folgt jedoch oft auf dem Fuße. Voller Stolz stehst du am Ufer, montierst die neue Edel-Kombo und fischst konzentriert die Kanten ab. Stunden vergehen – kein einziger Zupfer. Und dann kommt die Szene, die fast schon schmerzt: Während deine über 1.000 Euro teure Japan-Baitcaster unberührt bleibt und die Fische deinen sündhaft teuren Kunstködern die kalte Schulter zeigen, läuft am Nachbarplatz plötzlich alles. Dort sitzt jemand mit einer einfachen Stipprute für unter 30 Euro – und die Fische beißen wie die Kranken auf schnöden Dosenmais, Maden oder den klassischen Wurm. All die Wochen und Monate, die du in das perfekte Werfen und die präzise Köderführung mit der Baitcast-Kombo investiert hast, wirken in diesem Moment wie eine teure Illusion.

Doch hinter all dem Wahn nach Echoloten, Live-Scope und Hightech verbirgt sich eine noch viel größere, traurigere Wahrheit. Wir versuchen mit sündhaft teurer Technik etwas zu erzwingen, was früher ganz von allein funktionierte. Damals fing man mit der sprichwörtlich simpelsten Ausrüstung – dem leicht rostigen Haken, einer einfachen Pose und dem gammligen Wurm – oft um Längen besser als heute mit dem gesamten Tackle-Katalog im Gepäck. In einer Zeit, als Echolote oder Live-View im privaten Bereich noch wie Science-Fiction wirkten, waren die Kescher trotzdem voll.

Der Grund für den heutigen Leerlauf am Wasser liegt nämlich keineswegs an der falschen Köderfarbe oder der fehlenden Finesse-Rute. Er liegt schlichtweg in den massiv abnehmenden Fischbeständen. Verbaute Gewässer, fehlende Durchgängigkeit zu den natürlichen Laichgebieten, Gewässerverschmutzung und der Klimawandel haben vielen Beständen gewaltig zugesetzt. Wo schlicht keine Fische mehr sind oder die Bestände kollabieren, kann auch die teuerste Elektronik keine Wunder bewirken. Sie macht die verbleibenden Fische höchstens noch sichtbarer – aber nicht beißfreudiger.

Das macht die ganze Entwicklungen in der Angelindustrie im Grunde doppelt absurd: Wir kaufen immer mehr und immer teureres Equipment, um ein ökologisches Defizit zu kompensieren, das man mit Geld gar nicht lösen kann. Kein Live-Scope der Welt ersetzt intakte Laichplätze, und kein 100-Euro-Japan-Wobbler bringt Fische zurück in ein verbautes Gewässer.

Es wird Zeit für einen ehrlichen Blick in den eigenen Tackleraum. Angelgerät soll Freude machen und uns unserem Hobby näherbringen. Doch wenn die Boxen überquellen und der Blick ins Portemonnaie mehr Schmerz verursacht als ein Schneider-Tag am Wasser, sollten wir uns wieder auf das Wesentliche besinnen: Das Naturerlebnis, der Respekt vor den Gewässern und die Erkenntnis, dass wahrer Fangerfolg nicht im Tackle-Laden gekauft werden kann – sondern von gesunden Gewässern abhängt.

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