Der Sprachverfall in unserer Gesellschaft ist ein Thema, was mich seit vielen Jahren beschäftigt. Es mag am Alter liegen, dass ich für viele Dinge kein Verständnis mehr aufbringen kann. Ein Grund mag sein, dass ich in einer anderen Zeit aufgewachsen bin und eine andere Erziehung genossen habe, als es heute der Fall ist.
Doch selbst ich entstamme keiner Epoche, in der einem Respekt noch eingeprügelt wurde – auch meine Kindheit und Jugend war völlig gewaltfrei. Natürlich hatten auch wir unsere Jugendsprache, die teils sehr „denglisch“ war, also englische Begriffe nutzte, die man eingedeutscht hatte.
Die frühen 70er- und 80er-Jahre prägten meine Jugend. Meine Generation war in weiten Teilen der deutschen Sprache mächtig. Sowohl das Elternhaus als auch die Lehrer trugen Sorge dafür, dass wir in der Lage waren, uns adäquat in unserer Muttersprache auszudrücken. Für uns war es ganz normal, im badischen Dialekt ebenso wie in reinem Hochdeutsch zu kommunizieren.
Eine gravierende Veränderung fiel mir erst auf, als meine Söhne die Grundschule und später weiterführende Schulen besuchten. Für mich als Vater war es mehr als erschreckend festzustellen, dass viele Schüler keinen geraden und unfallfreien Satz mehr sprechen konnten. Sprach man dies an Elternabenden an, redeten sich einige Lehrer damit heraus, dass sich die deutschen Schüler lediglich ihren Klassenkameraden aus anderen Herkunftsländern anpassen würden.
Geglaubt habe ich das nie. Schon aus eigener Erfahrung in meiner Schulzeit wusste ich, dass ein Migrationshintergrund kein Grund für schlechtes Deutsch sein muss. In meiner Parallelklasse gab es damals zahlreiche Schüler aus internationalen Familien, doch keiner von ihnen sprach schlechtes Deutsch. Vielleicht lag es daran, dass viele dieser Familien noch der Gastarbeitergeneration entstammten und damals generell ein anderes Verständnis davon herrschte, wie Integration funktioniert.
Ausdrücke wie Digga, Alter und viele andere sind heute an der Tagesordnung. Selbst das Wort Bruder hat nicht mehr die Bedeutung, wofür es ursprünglich gedacht war – vom Bro wollen wir gar nicht erst reden.
Unterhalte ich mich mit Jüngeren und werde als „Bruder“ oder „Bro“ tituliert, während in jedem Satz mindestens einmal „Alter“ vorkommt, frage ich mich schon: Welche Werte vermitteln Familien heute und wie weit ist unsere Gesellschaft gekommen? Zum einen bin ich als Einzelkind niemands Bruder, zum anderen muss man mir nicht ständig unter die Nase reiben, dass ich alt bin – das weiß ich selbst. Aus satirischer Sicht könnte ich herzlich darüber lachen, aber mich erschreckt, wie weit sich die alltägliche Konversation von dem entfernt hat, was man unter gutem Deutsch versteht.
Ich will nicht verschweigen, dass es auch damals Unterschiede gab – je nach Bildungsstand der Jugendlichen. Zwischen Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten existierten feine Abstufungen in der Ausdrucksweise. Das war damals jedoch vor allem den unterschiedlichen Lerninhalten geschuldet: Während Gymnasiasten mit Goethes Faust, Schillers Glocke und anderen Werken geknechtet wurden und Interpretationen oder Erörterungen schrieben, waren die Aufsatzformen an Hauptschulen einfacher gestrickt.
Das wirklich Erschreckende ist jedoch: In der heutigen Zeit sind kaum noch Unterschiede erkennbar. Der Sprachverfall zieht sich schleichend durch alle Schularten.
Die eigentliche Zeitenwende
Wir erleben hier keine normale Evolution von Sprache, wie sie es schon immer gab. Wir erleben eine gesellschaftliche und kulturelle Zeitenwende.
Der Ursprung dieser Entwicklung liegt keineswegs allein auf den Schulhöfen. Er liegt zum einen in einer grundlegend veränderten Medienwelt. Wir haben den Schritt vollzogen von einer Lesekultur hin zu einer visuellen Häppchen-Kultur. Wo früher Bücher, gedruckte Zeitungen und gepflegte Debatten das Sprachbild prägten, dominieren heute Algorithmen, soziale Netzwerke und Kurzvideos. Kommunikation wird auf Emoji-Größe geschrumpft, Gedanken werden in Sekundenclips gepresst. Wenn Aufmerksamkeit die härteste Währung ist, bleibt für verschachtelte Sätze, feine Nuancen und einen Wortschatz abseits des Alltäglichen kein Platz mehr.
Zum anderen erleben wir einen zweiten, entgegengesetzten Angriff auf unsere Sprache: die verordnete Gendersprache. Sie ist zwar nicht die Ursache für das Stammeln auf dem Pausenhof, wirkt aber wie ein zusätzlicher Brandbeschleuniger im gesamten Sprachraum. Während Jugendliche die Sprache aus Bequemlichkeit und Unwissenheit verstümmeln, wird sie von akademischer und institutioneller Seite mit Sternchen, Doppelpunkten und holprigen Sprechpausen künstlich überfrachtet. Das Ergebnis ist eine bizarre Doppelmühle: Unten verarmt der Wortschatz, oben wird die Grammatik ideologisch zerlegt. Beides raubt der deutschen Sprache ihre Ästhetik, ihre Eleganz und vor allem ihre verständliche Klarheit.
Das Problem dabei ist tiefgreifender als bloßes Unbehagen älterer Generationen über hippe Jugendwörter oder verordnete Sprachdoktrinen. Sprache ist das Werkzeug unseres Denkens. Wer nur noch über ein rudimentäres Vokabular verfügt und wem gleichzeitig das Gefühl für eine natürlich gewachsene Grammatik genommen wird, verliert schleichend die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu durchdringen, differenziert zu argumentieren und Zwischentöne wahrzunehmen. Wenn Differenzen nur noch mit lautem Pauschalismus, Worthülsen oder Achselzucken begegnet werden kann, leidet am Ende das gesamte gesellschaftliche Miteinander.
Besonders bedenklich ist, dass die Institutionen dieser Entwicklung kaum noch Paroli bieten. Wenn Schulen Anforderungen herabschrauben, um Quoten zu erfüllen, und Medien wie Politik sich mal in peinlicher Anbiederung an die Jugendsprache versuchen und im nächsten Moment im Gender-Jargon verharren, verliert die Gesellschaft ihre sprachlichen Orientierungspunkte.
Man mag mir Kulturpessimismus vorwerfen. Und natürlich entwickelt sich Sprache weiter – das hat sie immer getan. Aber Weiterentwicklung bedeutet Bereicherung, nicht Verwässerung oder Deformierung. Wenn wir zusehen, wie Wortschatz, Grammatik und Ausdrucksfähigkeit von zwei Seiten gleichzeitig zerrieben werden, geben wir ein Stück unserer Identität und Kultur auf. Es wird Zeit, dass Elternhäuser, Schulen und die Gesellschaft wieder den Mut finden, Haltung zu zeigen: Für eine Sprache, die natürlich wachsen darf, die verbindet, statt zu vereinfachen – und die Respekt nicht nur als Wort fordert, sondern im gewählten Ausdruck vorlebt.
Jetzt seid ihr dran – oder sollte ich sagen: Was meint ihr dazu, Diggas und Bro? Ist der Zug für gutes Deutsch längst abgefahren oder lässt sich das Sprachbewusstsein in Schulen und Familien noch retten? Und wie erleben Sie das Spannungsfeld zwischen vereinfachter Jugendsprache und verordnetem Gendern? Ich freue mich auf eine sachliche, kontroverse Debatte in den Kommentaren.









